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Bildung versus Ausbildung – Was zählt an deutschen Universitäten?

Blog Beitrag von Konstantin von Bueren

Man könnte auch fragen, was war zuerst da, die Henne oder das Ei? Die Vehemenz jedoch, mit der die aktuelle Curriculum Debatte geführt wird, erlaubt ein eher martialisches Bild,- vergleichbar mit einem Boxkampf. Es geht um ein jahrhundertealtes Thema, das angeregt durch das Intellektuellenblatt „DIE ZEIT“ zu neuem Leben erweckt wurde. Im Gegensatz zu den vorangegangenen Diskussionen, finden sie nun zeitgemäβ öffentlich in online Foren statt, bei denen erstmals auch die Studierenden zu Wort kommen. Na, wenn das kein Fortschritt ist.

Die erste Runde wird eingeläutet. In der roten Ecke des Rings eine verzweifelte Dozentin, die es, nach ihrer eigenen Aussage, nicht mehr schafft ihre Studenten mit der trockenen Theorie der Politikwissenschaften zu begeistern. Hier der Link zur aktuellen Debatte.

In der blauen Ecke ein noch verzweifelter Politikstudent, der wohl besser ein Studium der VWL oder BWL gewählt hätte, um mehr praxisorientiertes Wissen zu erlangen, um sein Karriereziel als Entwicklungshelfer oder Unternehmensberater zu erreichen. Seine, und die Argumente seiner Mitstreiter sind hier zu finden.

Zwischenergebnis unabhängiger Punktricher in der sechsten Runde: Der Kampf wird von einer Flut an Kommentaren der Zuschauer begleitet, die versuchen beide Kontrahenten scharf zu kritisieren und in verbalen Attacken via Videodiskussionen auseinanderzunehmen. Schließlich wird jedoch nur die Schuld an der beidseitigen Unzufriedenheit von der roten in die blaue Ecke und zurück geschoben.

Interessanter als die Frage, wer nach Punkten vorne liegt, ist jedoch eine andere Fragestellung. Was erwarten wir Deutschen eigentlich von unseren Universitäten? Was sollte eine Universität lehren, Bildung oder Ausbildung? Oder wünscht man sich gar eine gelungene Symbiose aus beiden Komponenten,- und wenn ja, in welchen Studienfächern kommen welche Lehranstalten diesem Ziel am nächsten?

Um es gleich vorweg zu sagen, auch dieser Beitrag wird die Frage nicht beantworten.

„Die Bildung kommt nicht vom Lesen, sondern vom Nachdenken über das Gelesene.“ – Carl Hilty (1833-1909), Schweizer Staatsrechtler

Das ehrenwerte hohe Prinzip der Universität basiert ursprünglich darauf, dass es keinen Machtstrukturen untergeordnet ist, weder wirtschaftlichen, politischen oder ideologischen. Demnach sollte das universitäre Studium seine Studenten dazu ausbilden nach dem Abschluss möglichst frei ihre individuellen Karrierewege gehen zu können.

Bologna Prozess 10 verdebattierte Jahre?

Dieses Prinzip der Autonomie gilt als Grundsatz der Überlegungen von Humboldt, oder auch der Gründung der Berliner Universität und nicht zuletzt des Bologna-Prozesses. Beim Letzgenannten handelt es sich um die Beschlüsse, die 1999 von Bildungsministern von 29 Ländern gefasst wurden, um eine einheitliche (sprich: miteinander vergleichbare) Grundstruktur der Universitäten zu schaffen. Doch auch nach Ablauf der Terminvorgabe von 10 Jahren zur Umsetzung, ist dies bis zum heutigen Tag nicht so recht gelungen.

Gemäβ des Autonomieprinzips soll die Universität der Ort sein, wo Wissen reflektiert wird, wo sich die Gesellschaft definiert und wo die Zukunft gestaltet wird. Aber ist diese Autonomie überhaupt noch zeitgemäß? Daß sich das Studienprogramm immer stärker am Arbeitsmarkt ausrichtet ist in den letzten Jahren zu beobachten gewesen. Wirft man ein Blick nach England oder in die USA, wo viele Unis ohne Sponsoren aus der Wirtschaft kaum überlebensfähig wären, können wir dies schon seit Jahrzehnten beobachten. Das ursprüngliche Bild der Universitäten, von denen sich viele den Spruch „der Forschung und Lehre“ ins Portal gemeisselt haben, beginnt in den letzten Jahren deutlich zu zerbröckeln. Nun kann man fragen, ob die Anpassung an den Arbeitsmarkt dem Prinzip der reinen Lehre und Forschung noch gerecht wird. Eine reine Orientierung an den Anforderungen des Arbeitsmarkts würde schließlich zu noch mehr führen, als der bloßen Kategorisierung von Patienten nach ihrer Rentabilität, oder der monetären Evaluation von Menschenleben. Die Frage ist: wird das Berufsethos bereits während der Ausbildung im Keim erstickt? Die breite (Aus-)Bildung einer Person und ihres Geistes wird immer stärker vernachlässigt. Kritisches Hinterfragen von Gegebenheiten und Reflektion von Wissen scheinen in unserer Gesellschaft zu Ausnahmen zu werden.

„Das große Ziel der Bildung ist nicht Wissen, sondern handeln.“ Herbert Spencer (1820-1903), englischer Philosoph und Sozialwissenschaftler

Der Grad zwischen Bildung und Ausbildung ist schmal, denn weder das eine noch das andere ist zu 100% wünschenswert. Niemand wünscht sich eine Ausbildung, die ausschlieβlich auf Vergangenheit und Tradition basiert. Andererseits kann es nicht das Ziel einer Gesellschaft sein, an den Hochschulen lediglich funktionierenden menschlichen Nachschub für die Industrie zu züchten, dem Berufsethos, Kritikfähigkeit und soziales Verhalten fremd ist. Eine gesunde Gesellschaft sollte aus ihren Fehlern lernen und dennoch auf Bewährtes bauen, dies kann man genauso auf Universitäten übertragen.

Will man nicht die Karrieristen zu den Dichtern und Denkern der heutigen Zeit machen, gilt es die richtige Balance zu finden.